Das Sigma 50mm 1.4 ART

Es wurde ja in den letzten Monaten viel über Sigma und deren neue ART-Serie berichtet und geschrieben. Manch einer sagt, die neuen Linsen können sich durchaus mit Zeiss messen und dass sich Canon und Nikon warm anziehen müssten. Hier möchte ich euch meine Einschätzung zum Sigma 50mm F1,4 DG HSM geben.

Mit einem wahrlichen Paukenschlag wurde das Sigma 35/1.4 DG HSM im Jahr 2012 als erstes Objektiv der neuen SIGMA Art-Produktlinie vorgestellt. Die Presse überschlug sich mit Lob und schnell wurde auch der Vergleich mit den etablierten Objektiven von Nikon und Canon gezogen. Um ehrlich zu sein, hätte ich niemals zu träumen gewagt, dass jemals ein Sigma-Objektiv den Weg in meinen Koffer finden würde. Zu schlecht waren die Erfahrungen mit Objektiven und Kameras der Firma Sigma in den letzten Jahren. Da war ich doch vielmehr Freund von Tamron oder auch Tokina. Und nun also doch ein Sigma-Produkt – und diese Entscheidung war eine der Besten in den letzten Jahren (was technische Ausstattung anbelangt). Warum? Ich möchte es euch erklären:

Begonnen habe ich damals mit dem Canon 24-70/2.8. Ich war fasziniert, wie schön das Objektiv selbst mit Offenblende brauchbar war. Dazu noch wunderbar vielseitig weil „Zoom“ und das ganze in nem Kit zusammen mit der tollen Canon 5DmkII. Ich war also ausgestattet für alle Eventualitäten…dachte ich! Doch bald schon keimte in mir der Wunsch nach einer größeren Blende. Also habe ich mich umgesehen und bin schnell auf das Canon 50/1.8 gestoßen: große Blende zu nem echten Knallerpreis von etwa 100€ gebraucht. Da merkte ich zum ersten Mal, dass mein bis dahin so geliebtes 24-70/2.8 gar nicht so der Bringer war. Gerade für Portraits lies ich immer öfter den kleinen „50er-Plastikbomber“ auf der Kamera. Die Abbildungsleistung war gut, nur zum Rand hin etwas matschig. Und der Autofokus…ja der Autofokus war langsam und laut. Wenn es mal schneller gehen sollte, war der kleine Motor doch etwas – sagen wir – „zäh“. Also umgesehen, Testberichte studiert, technische Charts ausgewertet in der Bucht ein gebrauchtes Canon 50/1.4 für rund 300€ ersteigert. Dazu ne neue Streulichtblende und ich war wieder im Zufriedenheitsmodus: schön flotter und leiser Autofokus und die Abbildungsleistung befriedigte mich auch. Ok, ich musste oft auf f2.0 abblenden um kein komplett softes Bild zu bekommen – aber irgendwas ist ja immer.
Bei vielen anderen Fotografen ist das Canon 50/1.2 ja DIE Linse schlechthin. Viel besser als das 1.4er war es (laut DXOmark und the-digital-picture) aber auch nicht und erreichte auch abgeblendet nur die Schärfe wie das 1.4er. Dazu der sehr langsame Autofokus, weil ja echt ne Menge Glas bewegt werden muss (ich hab’s selbst getestet, und fand es erschreckend). Dazu der enorme Preis von etwa 1300€…nee nee – nix für mich. Also blieb ich bei meinem kleinen 50er. Ich fotografierte Jahrelang damit und testete zwischenzeitlich auch das Canon 35/2.0 als eventuelle alternative Brennweite. Jedoch verschwand diese hübsche kleine Linse auch schnell wieder in meinem Koffer – einfach nicht mein Ding. Immer länger blieben 50mm meine Lieblingsbrennweite und ich kam gut damit zurecht.
Dann kamen Gerüchte auf, Sigma würde an einer neuen Produktlinie arbeiten, komplett neu gerechnet und alles bis dahin Angebotene in den Schatten stellen. Das Sigma 35/1.4 DG HSM aus der neuen, sogenannten ART-Linie wurde vorgestellt. Erste Test machten mich hellhörig, die ersten Objektiv-Serien wurden ausgeliefert und die positiven Stimmen wurden immer lauter: „Bombenschärfe“, „Knaller-Linse“, „mein neues Lieblingsobjektiv“, „Sigma my love“. Mittlerweile ist die Euphorie etwas abgeebbt, doch die begeisterten Stimmen sind nicht verhallt. Ein Objektiv mit 35mm Brennweite zu nem Preis von (aktuell) rund 800€ – ne Menge Holz für ne Brennweite, die mir eigentlich nicht zusagt.
Doch Anfang diesen Jahres wurden auch die Gerüchte um das zweite Objektiv aus der Sigma ART-Linie Wirklichkeit und das Sigma 50/1.4 DG Art wurde vorgestellt. Wenn also Sigma mit dem 50er den gleichen Knall wie mit dem 35er hinbekommen würde – dann musste ich mir ernsthaft überlegen, ob ich nicht doch Geld in die Hand nehmen und meine Meinung gegenüber Sigma überdenken sollte.
Zeiss bastelte zur gleichen Zeit an einem neuen Objektiv, dem Zeiss Otus 55/1.4. Mit nem manuellen Fokus und nem Preis von 4000€ passte es leider weder zu meiner Arbeitsweise noch zu meinem Geldbeutel. Doch das Sigma musste sich nicht hinter dem Zeiss verstecken, ganz im Gegenteil: Mit einer Abbildungsleistung die laut Tests sehr nah an das Zeiss rankam und einem Preis von rund 1000€ war es eine echte Kampfansage – vor allem an Canon und Nikon. „Auweia“ dachte ich…“sollte das Ding echt so gut sein?“. Also einiges darüber gelesen – und irgendwann fühlte es sich so an, als ob ich jeden Test dazu schon zum dritten Mal gelesen hatte und es keimte in mir der „haben-wollen“-Wunsch auf. Das Engelchen auf meiner Schulter flüsterte: „Lass es, du kommst auch prima mit deinem Canon 50/1.4 zurecht!“, doch das Teufelchen schrie: „Kauf es!!!“. Ich glaube ich saß etliche Male am Rechner, rief die Seite des Onlineshops auf und war kurz vor dem Klick auf den „Kaufen“ Button – und lies es dann doch immer wieder sein. Und so schnell wie es immer wieder ausverkauft war, so lange dauerte es bis es wieder verfügbar war. Irgendwann war es wieder verfügbar und aus einer Spontansituation und aus dem Bauch heraus bestellte ich es – und drei Tage später war der Bote mit nem Paket an der Türe und ich war gespannt, was ich mir da angetan habe. Also ausgepackt und da gleich gemerkt, was das für ein Klumpen ist. Aber was solls: Das 24-70 ist nur etwas größer und wenn es stimmt was alle sagen, nicht im geringsten vergleichbar mit dem Sigma. Und diese Haptik: Ein Traum. Dieses seidenmatte Finish, das viele Metall das wie aus dem vollen gefräst wirkt, dieses Stealth-Fighter-Aussehen. Alleine es anzusehen machte schon Freude. Zwei, drei Testaufnahmen am Abend gemacht und dann den Koffer gepackt für die Tags-darauf anstehende Hochzeit am Bodensee. Dort sollte es zeigen was es wirklich kann!

Holy, was war ich begeistert! Gleich die ersten Aufnahmen mit voll aufgerissener Blende liessen mein Fotografenherz höher schlagen: Fokus saß wie genagelt, der Autofokus war schön schnell, die Schärfe selbst bei f1.4 und auch zum Rand hin echt super, und die echt fiesen lila Lensflares die mein Canon 50er bei direktem Gegenlicht erzeugt hat wurden mit dem Sigma in super-softe weisse „Wolken“ verwandelt. Mit offener Blende kann ich nun selbst auf mehrere Meter Entfernung noch Objekte freistellen, das Bokeh überzeugt mich, die Abbildung bei Gegenlicht ist einfach der Knaller, der Fokus sitzt schnell und treffsicher…und die Farben – oh wow – die Farben sind einfach fantastisch. Ich wusste nicht, dass ein Objektiv so sehr an der Farbwiedergabe im Bild beteiligt ist. Das Gefühl kam auf, dass es die Linse ist, die meinen Bildstil unterstützt und dass es DIE Linse ist, die ich immer haben wollte – und es bis dahin nichtmal wusste!
Einziger Kritikpunkt: Der Autofokus setzt hin und wieder und nicht reproduzierbar aus. Das Objektiv reagiert dann einfach nicht mehr auf AF-Befehle von der Kamera. Dann löse ich es leicht mit dem Entriegelungsknopf und raste es wieder ein – dann tut alles wieder. Anfangs kam dieser Fehler häufiger, inzwischen tritt es kaum noch auf. Ich werde das weiter beobachten…

Tja, da sitz ich nun und hab nen Koffer voll Objektive…und doch ist das Sigma zum überwiegenden Teil auf der Kamera. Ich liebe es und hätte es schon viel früher kaufen sollen.

…und wer weiss, vielleicht findet auch das 35er von Sigma noch den Weg in meinen Koffer. Vielleicht muss ich es nur mal versuchen um auf den Geschmack zu kommen.

 

© Martin Spoerl Photography | Fotograf Ulm

2 Comments
  1. Lieber Martin,

    jetzt hast du mich überzeugt! Ich habe deinen Bericht so aufmerksam gelesen und dachte mir nach jedem Satz „genau“, „ja so ist es bei mir auch“

    Jetzt muss die Linse einfach in meine Tasche. DANKE!

    Viele Grüße
    Alex

    • Hi Alex. Vielen Dank – das freut mich, dass ich dir in deiner Entscheidung helfen konnte. Ich sehe schon…du wirst das Objektiv genauso gernhaben wie ich es tue.
      …und bestimmt findet das 35er von Sigma auch noch den Weg in meinen Koffer. Dann gibts davon auch noch nen kleinen Bericht.